Der VOH schließt sich dem Aufruf zu einer Neubewertung der wissenschaftlichen Kooperation mit Aserbaidschan an

Wissenschaftliche Beziehungen zu Aserbaidschan neu bewerten

Ein Aufruf an Wissenschaftler:innen, wissenschaftliche Einrichtungen
und Förderinstitutionen in Deutschland

(Stand: 28.09.2022)

In der Nacht zum 13. September griff Aserbaidschan mit einer breit angelegten militärischen Offensive das Staatsgebiet Armeniens an. Bei dieser neuen Aggression geht es nicht mehr um die umkämpfte Region Berg-Karabach; diese richtet sich unmittelbar gegen die Republik Armenien. Die aserbaidschanischen Streitkräfte sind bis zu 8 Kilometer in das Staatsgebiet Armeniens eingedrungen und positionieren sich auf strategisch wichtigen Höhenlagen. Die Forderungen, die Aserbaidschans Machthaber Ilham Alijew stellt, lassen sich in drei Punkten zusammenfassen:

  • Es soll keine Verhandlungen mehr über den Status von Berg-Karabach geben, dieser Konflikt sei beigelegt und existiere nicht mehr. Jedwede Einmischung der OSZE Minsk-Gruppe wird abgelehnt, ja das Format wurde in Baku für aufgelöst erklärt. Die Situation der in Berg-Karabach lebenden Armenier sei nunmehr eine innenpolitische Frage Aserbaidschans, die bei Bedarf auf der Grundlage der aserbaidschanischen Verfassung gelöst werde.
  • Es soll ein „Friedensabkommen“ zwischen Armenien und Aserbaidschan geben, basierend auf einem von Baku vorgelegten und aus 5 Punkten bestehenden Papier. Armeniens Gegenvorschläge werden nicht akzeptiert, vielmehr droht Baku wiederholt mit Gewalt – und setzt diese auch gezielt ein –, um Armenien dazu zu drängen, einer schnellen Grenzziehung und einem „Friedensvertrag“ ohne Verhandlungen zuzustimmen.
  • Alijew beharrt auf der Errichtung eines sogenannten „Sangesur-Korridors“, der das Kernland Aserbaidschan mit dem Enklaven Nachidjevan verbinden soll. Dabei drohte er wiederholt damit, diesen Korridor bei Notwendigkeit auch mit Gewalt durchzusetzen, sollte sich Armenien – weil dieser Korridor Armeniens Süden von dem Rest des Landes gänzlich abschneiden würde – dagegen wehren.

Die provokative und militante Rhetorik Alijews wird begleitet durch den fortwährenden Beschuss armenischer Siedlungen in Berg-Karabach, durch den kontinuierlichen Vormarsch der aserbaidschanischen Streitkräfte und die damit verbundene Vertreibung der Armenier aus ihren Dörfern – die jüngste Vertreibung erfolgte nach der Übernahme des Latschin-Korridors mit den Dörfern Aghavno und Sus – sowie durch die Vernichtung armenischer kultureller Denkmäler. Hunderte getötete Soldaten, tote Zivilisten, aus ihrer vertrauten Umgebung weggerissene Kinder, Flüchtlinge, zerstörte Existenzen und vernichtetes Kulturgut – dies ist nunmehr der traurige Alltag in Berg-Karabach. Je länger diese Situation anhält, desto drastischer wird die humanitäre Notlage der Zivilbevölkerung dort, aber auch in den Grenzregionen Armeniens, die heute unter Beschuss stehen.

Diese Entwicklungen zeigen, dass das aserbaidschanische Regime eine günstige Gelegenheit ergreift, um Armeniens Süden einzunehmen. Dass dieser Plan auf der politischen Agenda Aserbaidschans steht, machte Alijew bei mehreren Gelegenheiten klar: „[…] Yes, West Zangezur is our ancestral land. I said that we have to return there. I said that ten years ago. All my speeches are available in the media. I said that it is the land of our ancestors, and we must return there. We will and we are already returning there. No one can stop us.” (Alijew, am 10. Mai 2021)

Während die westlichen Medien die Lage nur zögernd kommentieren, hat die Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi die jüngste Aggression Aserbaidschans während ihres Besuchs in Armenien scharf kritisiert und die US-Unterstützung für Armenien zugesichert. Deutliche Worte fand auch der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages Michael Roth, der neue Chargé d’Affaires der Deutschen Botschaft in Jerewan Erik Tintrup zeigte sich erschüttert von den Bildern der Zerstörung, die er im touristischen Zentrum Jermuk (Armenien) sehen musste.

Armenien steht vor einer existenziellen Gefahr, ohne handfeste – militärische und/oder politische – Unterstützung. Doch angesichts des auf der politischen Ebene langsam einsetzenden Umdenkens steht auch die akademische Welt in der Verantwortung, ein Zeichen gegen Krieg und Gewalt und für den Frieden zu setzen. Wir, die Unterzeichnenden, appellieren an Sie und Ihre Institution:

  • Die Aggression Aserbaidschans gegen Armenien unmissverständlich zu verurteilen.
  • So wünschens- und begrüßenswert die Kooperation mit unabhängigen und in ihrem Land womöglich verfolgten aserbaidschanischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auch ist, Projekte mit jenen wissenschaftlichen Einrichtungen Aserbaidschans, die nicht nur die Aggression dieses Landes gegenüber Armenien mittragen, sondern auch Narrative in den Umlauf bringen, welche diese Aggression rechtfertigen, bis auf Weiteres auf Eis zu legen.
  • Für den wissenschaftlichen Austausch und Veranstaltungen ein drittes Land zu suchen, um gleiche Teilnahmebedingungen für aserbaidschanische und für armenische Wissenschaftler:innen zu schaffen und so zu einem Dialog beizutragen.
  • Genau darauf zu achten, Geschichtsfälschung bei wissenschaftlichen Publikationen, insbesondere die Albanisierungsversuche des armenischen Kulturguts in Berg-Karabach auszuschließen.

Wir wenden uns an Sie in der festen Überzeugung, dass Sie das Leben unschuldiger Menschen, das Recht der Kinder, in Frieden und Sicherheit aufzuwachsen, das vor einer Vernichtung stehende jahrhundertealte armenische kulturelle Erbe höher schätzen, als die Kooperation mit Institutionen, die den menschenverachtenden Krieg Aserbaidschans mittragen. Wir appellieren an Sie, westliche Werte und Menschenrechte über den möglichen kurzfristigen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Nutzen mit aserbaidschanischen Institutionen zu stellen, jegliche wissenschaftliche Zusammenarbeit mit diesen ab sofort einzustellen und langfristig zu überdenken.

 

Link zur Petition: https://zeitgeschichte-online.de/node/61019

Unterzeichnende (wird laufend ergänzt)

Prof. Dr. Martin Schulze Wessel, Lehrstuhl für Geschichte Ost- und Südosteuropas, LMU, München

Prof. i. R. Dr. Stefan Troebst, Universität Leipzig

Prof. Dr. Andreas Renner, Lehrstuhl für Russland-Asien-Studien, LMU, München

Prof. Dr. Julia Herzberg, Professur für Geschichte Ostmitteleuropas/Russlands in der Vormoderne, LMU, München

Prof. Dr. Kornelia Kończal, Juniorprofessorin für Public History, Bielefeld

Dr. Tessa Hofmann, Philologin, Genozidwissenschaftlerin und Autorin, Berlin

Dr. Arpine Maniero, Osteuropahistorikerin, München

Dr. Leo Ensel, Konfliktforscher und interkultureller Trainer, Oldenburg

Dr. Hayk Martirosyan, Historiker, Potsdam

Jochen Mangelsen, Publizist, Berlin

Dr. Harutyun G. Harutyunyan, Theologe und Religionswissenschaftler, Jerewan

Dr. Anahit Avagyan, Theologin, Eichstätt

Dr. Martina Niedhammer, Osteuropahistorikerin, München

Reinhard Frötschner, Osteuropahistoriker, Regensburg

 

 

10. Oktober 2022

 

 

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