Zur Geschichte des „Verbandes der Osteuropahistorikerinnen und -historiker“(VOH)

[Erwin Oberländer (Mai 2006)]

 

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte Osteuropas geht in Deutschland zwar auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück, doch erfuhr sie ihre volle Entfaltung erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als zahlreiche neue Professuren und wissenschaftliche Einrichtungen entstanden. Umso erstaunlicher ist es, daß der Wunsch nach intensiverer Kommunikation unter den immer zahlreicher werdenden Fachvertretern erst relativ spät zur Gründung eines Zusammenschlusses in Gestalt des VOH geführt hat. Zwar hatten Klaus-Detlef Grothusen und Klaus Zernack „alle habilitierten Fachvertreter, und das sind derzeit knapp 50“ im März 1977 zu einem Treffen nach Gießen eingeladen, auf dem jedoch trotz intensiver Diskussion der Nachkriegsentwicklung des Fachs und seiner Perspektiven sowie aktueller Probleme keine weiteren Treffen vereinbart wurden. Daß dies als Manko empfunden wurde, zeigte dann die Gründung des Arbeitskreises der Osteuropahistoriker an den Hochschulen des Landes Nordrhein-Westfalens (AK) im Juli 1977 in Köln. Es waren ganz praktische Fragen, die das Bedürfnis nach verbesserter Kommunikation aufkommen ließen, wie Annäherung der Studienordnungen, Vereinheitlichung der Sprachanforderungen, Geschichte Osteuropas in der Lehreraus- und -fortbildung, Einflussnahme auf die Richtlinien für den Geschichtsunterricht etc.. Dieser informelle AK hat von 1977 bis 1980 jedes Semester an einer anderen Hochschule Nordrhein-Westfalens getagt, sehr wesentlich zum Kennenlernen der Dozenten und Mitarbeiter sowie der Bibliotheksbestände und Forschungsprojekte an den verschiedenen Landesuniversitäten beigetragen und war auch als Interessenvertretung durchaus erfolgreich.

Zahlreiche Anfragen von außerhalb Nordrhein-Westfalens, wie man sich dem AK anschließen könnte, veranlaßten Günter Stökl 1979 zu dem Vorschlag, ggf. den AK zu einer Art Informationsstelle aller Osteuropahistoriker in der Bundesrepublik zu machen. Die Sprecher des Arbeitskreises, Günter Stökl und Erwin Oberländer, wurden beauftragt, sich mit einem entsprechenden Rundbrief an alle Fachkolleginnen und Fachkollegen zu wenden, der auf sehr positive Resonanz stieß, so daß am 19. Oktober 1979 ein erweitertes Treffen des AK bereits mehrere Möglichkeiten zur Verbesserung der Kommunikation auf Bundesebene beriet: Im Gespräch waren die Gründung einer eigenen Organisation, die Bildung einer besonderen Fachgruppe entweder in der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) oder im Verband der Historiker Deutschlands, oder die Beibehaltung des AK, der einmal jährlich zu einem bundesweiten Treffen einladen sollte. Letzterer Vorschlag wurde angenommen, zumal sich herausstellte, daß nur wenige Osteuropahistoriker Mitglieder der DGO bzw. des Historikerverbands waren. Nachdem das Protokoll dieses Treffens bundesweit verschickt worden war, gab es jedoch so viele schriftliche und mündliche Stellungnahmen, in denen die Gründung eines eigenen Verbands empfohlen wurde, der vor allem der Verbesserung der Kommunikation untereinander sowie einer kräftigeren Interessenvertretung nach außen dienen sollte, daß sich Günter Stökl und Erwin Oberländer entschlossen, eine solche Gründung vorzubereiten.

Am 27. Juni 1980 beschloss dann das 5. Treffen des AK in Köln, den „Verband der Osteuropahistoriker e.V.“ (seit 2001 „Verband der Osteuropahistoriker und -historikerinnen“, VOH) zu gründen, der allen Fachkolleginnen und Fachkollegen in Deutschland, Österreich und der Schweiz offen stehen sollte. Die Zielsetzungen des Verbands wurden in § 1 der Satzung zusammengefaßt: „Der VOH dient dem Zweck, in der Öffentlichkeit Interesse für die Geschichte Osteuropas zu wecken, für die Belange der Osteuropahistoriker in Forschung und Lehre einzutreten, die Kommunikation untereinander zu intensivieren, Kontakte zu Wissenschaftlern anderer Fachrichtungen aufrechtzuerhalten und zu entwickeln sowie das Gespräch mit Historikern aus Osteuropa zu pflegen und den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern.“ In einem Brief an den damaligen Vizepräsidenten der DGO, Oskar Anweiler, rechtfertigte Günter Stökl die Gründung eines eigenen Verbandes mit den konkreten Aufgaben, die „von isolierten Einzelnen und im Rahmen von Organisationen mit anderer oder umfassenderer Zielsetzung nicht effektiv gelöst werden können. Hierher gehört das weite Feld der Studienpläne, Prüfungsanforderungen, Curricula und Schulbücher. Auf ein ausgewogeneres, Osteuropa einbeziehendes Geschichtsbild hinzuwirken, das kann niemand den Osteuropahistorikern abnehmen“. Dem anläßlich der Gründung gewählten Vorstand gehörten folgende sieben Mitglieder an: Günter Stökl als 1. Vorsitzender, Erwin Oberländer als 2. Vorsitzender, Manfred Alexander als Kassenwart sowie Dietrich Geyer, Klaus-Detlef Grothusen, Edgar Hösch und Klaus Zernack. Innerhalb kürzester Zeit hatte der Verband in den drei genannten Ländern 90 Mitglieder (2006: ca. 220). Als Vorsitzende amtierten in den folgenden Jahren Günter Stökl 1980-1987, Erwin Oberländer 1987-1993, Helmut Altrichter 1993-1999, Dittmar Dahlmann 1999-2003 und seit 2003 Ludwig Steindorff.

Der VOH hat sich auf den seit 1981 jährlichen Mitgliederversammlungen intensiv mit allen das Fach an Hochschulen und in außeruniversitären Einrichtungen betreffenden wissenschaftlichen und administrativen Fragen befaßt, die Kontakte nach dem östlichen Europa stets zu erweitern gesucht und sich vor allem der Nachwuchsförderung gewidmet. Zu diesem Zweck stiftete er 1985 zur Erinnerung an den bedeutenden Osteuropahistoriker jüdischer Herkunft den „Fritz T. Epstein-Preis“ für „hervorragende Dissertationen oder Erstlingsarbeiten zur Geschichte Osteuropas“, der seitdem alle zwei Jahre verliehen wird und gegenwärtig mit € 2.500 dotiert ist. 1988 übernahm der VOH mit Band 27 die Herausgabe der von Manfred Hellmann begründeten Reihe „Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa“, die seit Band 11 vom AK herausgegeben worden war und in der überwiegend Dissertationen zur Geschichte Osteuropas publiziert werden (inzwischen Bd. 70 [2009: 75]). Auch die früher vom Herder-Institut gepflegte Tradition der Nachwuchstagungen, auf denen sich alle zwei Jahre Nachwuchswissenschaftler mit ihren Themen vorstellen, nahm der VOH im Jahr 2000 in Zusammenarbeit mit dem Institut wieder auf. Die große Zahl jüngerer Mitglieder und deren Initiativen zeigen, daß sich die Gründung eines eigenen Verbandes als Kommunikationsforum und Interessenvertretung für das Fachgebiet Geschichte Osteuropas bewährt hat.

 

 

Nachtrag anlässlich der Abgabe des Vorsitzes an Jan Kusber
 

[Ludwig Steindorff (Februar 2009)]
 

In den vergangenen Jahren konnten der VOH und die anderen für die Osteuropaforschung eintretenden Verbände einzelne Verluste an Professuren der Osteuropäischen Geschichte nicht verhindern; doch mehrfach konnte ihr Engagement auch zur Bewahrung von Stellen beitragen.

Die Mitgliederzahl des VOH liegt seit Jahren konstant bei ca. 220. Dabei lässt sich als Trend erkennen, dass die Mitglieder im Durchschnitt jünger geworden und in größerer Zahl auch außerhalb von Hochschulen tätig sind. Während in der Anfangszeit des Bestehens des VOH dem Vorstand nur Professoren angehörten, ist inzwischen auch der Mittelbau präsent. Neben Vertretern aus den Universitäten kommen Vertreter auch aus außeruniversitären Forschungseinrichtungen hinzu. Seit anderthalb Jahren hat der Verband eine eigene Web-Adresse: www.osteuropa-historiker.de. Die Website wird vom Freiburger Lehrstuhl betreut.

Nachdem die Mitgliederversammlung schon seit 2000 jedes zweite Mal in Verbindung mit der Nachwuchstagung in Marburg stattgefunden hatte, wurde der traditionelle Versammlungsort Frankfurt 2004 aufgegeben. So tagt die Mitgliederversammlung des VOH seitdem im Wechsel in Göttingen und in Marburg. Nach der erfolgreichen Veranstaltung von Nachwuchstagungen ist der VOH dazu übergegangen, gemeinsam mit dem traditionellen Partner, dem Herder-Institut, und anderen Einrichtungen thematisch definierte Tagungen durchzuführen, darunter die Doppeltagung „Wie europäisch ist die osteuropäische Geschichte? Wie osteuropäisch ist die europäische Geschichte?“ in Göttingen im Februar und in Berlin im Dezember 2006 und die Tagung „Stalinismus und Entstalinisierung“ in Marburg im Februar 2009.

Ein Anliegen der letzten Jahre war die engere Zusammenarbeit und gegenseitige Abstimmung der Verbände, die sich für die Anliegen der Osteuropa-Forschung einsetzen, neben dem VOH der Slavistenverband, die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde und die Südosteuropa-Gesellschaft. So hat sich der VOH Ende 2007 zusammen mit den anderen Verbänden auch an der Abfassung eines von der DGO initiierten „Aufbauprogramms Ost- und Südosteuropaforschung“ beteiligt. Auch wenn das der Bundesregierung vorgelegte Programm keine spezifischen Maßnahmen zugunsten der Osteuropa-Forschung erbracht hat, war doch schon die Erfahrung der Zusammenarbeit der Verbände hilfreich und nützlich.

Im Laufe des Jahres 2006 führte der Vorstand des VOH eine Umfrage zur Lage des Faches durch, deren Ergebnisse auch in das erwähnte „Aufbauprogramm“ einflossen. Außerdem bildete diese Umfrage eine gute Ergänzung und Spezifizierung in Verbindung mit der Kartierung der „kleinen Fächer“ durch die Hochschulrektorenkonferenz. Entsprechend der ambivalenten Einordnung der Osteuropäischen Geschichte als Teildisziplin innerhalb der Geschichtswissenschaft oder aber als selbständiges kleines Fach sieht sich der VOH solidarisch mit den Anliegen anderer sogenannter kleiner Fächer, insbesondere der Slavistik.

Der VOH hat die Einführung der neuen gestuften Studiengänge durch Informationssammlung und -austausch begleitet. Zwar hat die Umstellung keine Stellenkürzungen oder -um-widmungen zu Lasten des Faches gebracht, und die Angebote des Faches sind in die neuen Studienpläne einbezogen. Aber es bleibt die Frage, inwieweit das neue System eine stärkere Spezialisierung im Laufe des Studiums erschwert und genug Freiraum für Spracherwerb, studium liberale und Auslandsaufenthalte lässt. Erst mittelfristig wird man feststellen können, ob das neue System Einfluss auf die Zahl von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern hat. Die Ergebnisse einer Umfrage mit dem Stand Anfang 2009 wurden allen Verbandsmitgliedern zugänglich gemacht und auf die Website des VOH gestellt.

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